Was war das Modellvorhaben On-Demand vs. Ortsbus in Neunkirchen-Seelscheid?
Bei dem Vorhaben handelte es sich um ein Modellprojekt, das vom Rhein-Sieg-Kreis als Aufgabenträger für den ÖPNV im Kreisgebiet in Abstimmung mit der Rhein-Sieg-Verkehrsgesellschaft mbH (RSVG) im Rahmen des Landeswettbewerbs „Mobil.NRW-Modellvorhaben innovativer ÖPNV im ländlichen Raum“ entwickelt und in der Gemeinde Neunkirchen-Seelscheid im Rhein-Sieg-Kreis umgesetzt wurde.
Von den 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern wohnen jeweils ca. 5.000 in den beiden Hauptorten Neunkirchen und Seelscheid. Beide Orte sind mit regionalen Buslinien im 30 Minuten- bzw. 60 Minuten-Takt an die Kreisstadt Siegburg und an Hennef angebunden, wo Anschluss an weitere Bus- und Bahnlinien u. a. nach Bonn und Köln besteht. Gleichzeitig mit dem Start des Modellprojektes konnte auch das Schnellbusangebot erweitert werden.
Im Rahmen des Projektes wurde exemplarisch untersucht, wie Transformationen und Verbesserungen des ÖPNV-Angebotes gestaltet werden können. Dazu wurde ein On-Demand-Angebot zur Anbindung aller Ortslagen untereinander und an die Hauptorte eingerichtet. Eine Ortsbuslinie sorgte für eine umsteigefreie Verbindung zwischen den beiden Hauptorten und die Anbindung bislang nicht erschlossener Ortslagen. Im Projekt wurde untersucht, welches Angebot besser angenommen wird: die Strategie einer vollflexiblen und digitalen On-Demand-Lösung (Anmeldung und Bestellung per App) oder die konventionelle Linienbedienung mit einem Minibus (nach festen Fahrplanzeiten). Die Besonderheit des Modellvorhabens lag im vergleichenden Ansatz und der Übertragbarkeit auf andere ländlich geprägte Kommunen.
Der On-Demand-Verkehr „Rhesi“ verkehrte mit einem Fahrzeug im „Rhesi-Design“ mit sieben Fahrgastsitzplätzen nach Bestellung und Bezahlung in der produktspezifischen Rhesi-App (Kooperation mit Anbieter ioki) auf Abruf ohne festgelegten Linienweg und ohne feste Abfahrtszeiten zwischen den mehr als 100 Abfahrtstellen im Gemeindegebiet Neunkirchen-Seelscheid, die in der Rhesi-App einsehbar und vor Ort zusätzlich mit einem Bodenaufkleber gekennzeichnet waren. Nach drei Betriebsjahren hatten sich rund 4.750 Bürgerinnen und Bürger für die Nutzung von Rhesi registriert. Die Anzahl der aktiven Nutzerinnen und Nutzer konnte sukzessive gesteigert werden und lag bei etwa 1.250 aktiven Nutzerinnen und Nutzern. Drei von vier Fahrgästen nutzen Rhesi auch wiederholt.
Im ersten Betriebsjahr konnten etwa 11.000 Fahrgäste auf rund 9.000 Fahrten mit Rhesi befördert werden. Dabei legte das Rhesi-Fahrzeug rund 45.000 Besetztkilometer zurück. Im zweiten Betriebsjahr konnten weitere 14.500 Fahrgäste auf mehr als 11.500 Fahrten befördert werden (rund 60.000 Besetztkilometer). Im dritten Betriebsjahr konnten weitere 17.500 Fahrgäste auf mehr als 13.500 Fahrten befördert werden (rund 70.000 Besetztkilometer).
Die Anzahl der durchschnittlichen täglichen Fahrten hat sich über die drei Betriebsjahre von 25 über 32 auf 36 gesteigert, die Anzahl der täglich beförderten Fahrgäste von durchschnittlich 31 über 40 auf 45 erhöht. Die kontinuierliche Steigerung der Fahrgast- und Fahrtenanzahl ist ein Beleg für die Zufriedenheit der Nutzerinnen und Nutzer und die Stabilität des Mobilitätsangebotes. Der Durchschnitt der im Rhesi monatlich beförderten Fahrgäste lag bei monatlich rund 1.150 Fahrgästen auf etwa 925 Fahrten. Im zweiten Halbjahr 2024 wurden monatlich rund 1.350 bis 1.500 Fahrgäste auf etwa 1.050 bis 1.100 Fahrten befördert.
Die liniengebundenen Minibusse der RSVG-Linie 576 fahren als „Berghüpfer“ im Stundentakt zwischen Neunkirchen und Seelscheid und weiter in die Nachbarkommune Much. Die eingesetzten produktspezifisch folierten, barrierefreien Fahrzeuge verfügen über etwa 30 Fahrgastplätze.
Die RSVG wurde durch den Rhein-Sieg-Kreis mit der Durchführung beider Verkehre betraut, die an allen Wochentagen (Montag bis Freitag ab 06:00 Uhr, samstags ab 07:00 Uhr, sonntags ab 09:00 Uhr, Sonntag bis Donnerstag bis 22:00 Uhr, Freitag und Samstag bis 01:00 Uhr) verkehrten und in das VRS-Tarifsystem integriert waren. Zuschläge für die Nutzung der Angebote waren durch den Fahrgast nicht zu entrichten, das Deutschland-Ticket wurde vollumfänglich anerkannt.
Das Minibusangebot wurde bereits kurz nach Einführung gut angenommen, im dritten Betriebsjahr konnte mit mehr als 140.000 Fahrgästen eine nochmalige Steigerung der Fahrgastnachfrage verzeichnet werden, die bei durchschnittlich rund 11.750 Fahrgästen im Monat lag, von denen etwa zwei Drittel im Gemeindegebiet Neunkirchen-Seelscheid und etwa ein Drittel im Gemeindegebiet Much unterwegs waren. Das entspricht durchschnittlich rund 400 Fahrgästen je Betriebstag, wobei die Nachfrage unter der Woche bei täglich rund 450 beförderten Fahrgästen, samstags bei rund 300 und sonntags bei rund 200 Fahrgästen lag.
Welche Ziele wurden mit dem Modellvorhaben On-Demand vs. Ortsbus in Neunkirchen-Seelscheid verfolgt?
Ziel des Modellvorhabens war es, erstmals im Rhein-Sieg-Kreis Erfahrungen mit einem flexiblen, „rein digitalen“ ÖPNV-Angebot „auf Abruf“ zu sammeln und dessen Möglichkeiten und Chancen mit denen eines klassischen Ortsbusverkehrs nach Fahrplan in ländlich geprägten Räumen zu vergleichen. Im Modellvorhaben konnte der Busverkehr auf Hauptachsen gestärkt und in der Fläche erstmals ein ergänzendes qualifiziertes flexibles Angebot zur Flächenerschließung bereitgestellt werden. Im Rahmen des Modellvorhabens erfolgte u. a. ein Vergleich der Fahrgastpotenzialabschöpfung und der Kostenstrukturen des On-Demand-Verkehrs „Rhesi“ und der Minibuslinie „Berghüpfer. Die Ergebnisse können auf andere ländlich geprägte Kommunen übertragen werden.
Im Modellvorhaben hat sich gezeigt, dass durch eine Aufwertung flexibler Bediensysteme deutliche Fahrgaststeigerungen möglich sind. Im Vergleich zum vorherigen AST -Verkehr in der Gemeinde hat der ODV „Rhesi“ zu einer mehr als Verzehnfachung der Fahrgastzahlen geführt. Die Auswertung der Ergebnisse der Nutzerbefragungen im Rahmen der Evaluation des Modellvorhabens zeigt zudem eine Substitution von Individualverkehrsfahrten durch Fahrten mit den neuen Mobilitätsangeboten und eine insgesamt geringere Individualverkehr-Nutzung seit Einführung der ergänzenden Mobilitätsangebote, ein insgesamt positives Image und sehr positive Bewertungen durch die Nutzenden.
Wie erfolgte die konkrete Umsetzung?
Die Umsetzung des dreijährigen Modellvorhabens startete im August 2021 nach intensiver Vorbereitung und endete planmäßig zum Jahresende 2024. Beide Angebote wurden von den Fahrgästen gut angenommen und konnten neue Nutzerinnen und Nutzer im ÖPNV gewinnen. Die Zahl der Fahrgäste lag beim Ortsbus in Summe systembedingt in etwa fünfmal höher als beim On-Demand-Angebot. Das Minibusangebot „Berghüpfer“ wurde zum 21.08.2024 in das Regelangebot der RSVG überführt. Das On-Demand-Angebot wurde basierend auf den Erkenntnissen aus der Modellphase modifiziert, um u. a. eine bessere Kosteneffizienz zu erreichen, und wird seit Januar 2025 als digitalisierter Bedarfsverkehr „Rhesi“ weitergeführt.
Das Projekt wurde durch Mittel aus dem Landeswettbewerb „Mobil.NRW - Modellvorhaben innovativer ÖPNV im ländlichen Raum“ des Verkehrsministeriums Nordrhein-Westfalen und durch den Rhein-Sieg-Kreis finanziert.
Herausforderungen bei der Umsetzung
Herausforderungen ergaben sich bei der Umsetzung insbesondere durch die erstmalige Einführung eines rein digitalen On-Demand-Verkehrs (u. a. verkehrliche Ausgestaltung, rechtssichere Ausschreibung und Vergabe der On-Demand-Plattform). Zudem musste die Funktionsweise einer On-Demand-Plattform (der App und des Hintergrundsystems) und des Systems „On-Demand“ insgesamt zunächst auf Seiten des Aufgabenträgers und des Verkehrsunternehmens „gelernt und verstanden“ werden, bevor es konkret ausgestaltet und den Nutzerinnen und Nutzern gegenüber kommuniziert werden konnte.
Zur Umsetzung eines On-Demand-Projektes ist eine enge Abstimmung zwischen allen Akteuren erforderlich. Unerlässlich ist dabei die Unterstützung durch den Anbieter der On-Demand-Plattform (hier Kooperationspartner ioki), u. a. beim gemeinsamen Aufbau der On-Demand-Plattform sowie bei der Nachjustierung von Parametern für den „passenden“ Algorithmus. Durch die rein digitale Buchungs- und Zahlungsmöglichkeit im On-Demand-Verkehr („Rhesi“ sieht bewusst keine telefonische Buchung und keine Bar- oder Kartenzahlung im Fahrzeug vor) war bei der Umsetzung eine umfassende Kundenkommunikation erforderlich, um eine entsprechende Akzeptanz bei den Nutzerinnen und Nutzern herstellen zu können.
Verwandte Maßnahmen (5)
Anrufbus (F-Bus)
Anrufbus (R-Bus)
Anrufbus (RF-Bus)
Anruflinienbus
Gemeindebus
Weitere Praxisbeispiele (11)
Anrufbus: moobil+
Anrufbus: MultiBus Heinsberg
Digitaler Rufbus: BerlKönig BC
Der Blaue Land Bus (vormals omobi Ortsbus Murnau)
dorfbus Feldatal
Marktbus Losheim am See
remo – On-Demand-Verkehr in Rendsburg und Umgebung
flitsaar - Der On-Demand-Service fürs Saarland
Weiterführende Informationen (5)
Mobilität in Neunkirchen-Seelscheid [abgerufen am 06.07.2026].
Modellvorhaben On-Demand vs. Ortsbus in Neunkirchen-Seelscheid [abgerufen am 06.07.2026].
On-Demand vs. Ortsbus: Ein Modellversuch [abgerufen am 06.07.2026].
Rhesi [abgerufen am 06.07.2026].
Video: Mobilität 2.0 Neunkirchen Seelscheid startet [abgerufen am 06.07.2026].
Meilensteine (14)
Förderaufruf zum Modellvorhaben im Rahmen des Landeswettbewerbs „Mobil.NRW - Modellvorhaben innovativer ÖPNV im ländlichen Raum", Entwicklung einer Projektskizze
Auswahl des vom Rhein-Sieg-Kreis entwickelten Projektes als eines von 15 Modellvorhaben in NRW, Beginn der Projektkonkretisierung
Zuwendungsbescheid durch das Verkehrsministerium des Landes NRW
Vorbereitung der Umsetzung des Modellvorhabens durch den Rhein-Sieg-Kreis als Aufgabenträger gemeinsam mit den Kooperationspartnern RSVG als Verkehrsunternehmen und der Gemeinde Neunkirchen-Seelscheid
Kooperation im Rahmen REGIONALE 2025 – das Projekt erhält den „A-Status“
Vorstellung der neuen Mobilitätsangebote (Öffentlichkeitsarbeit, Presseberichterstattung, Ortstermine für Bürgerinnen und Bürger, Politik, Presse, …)
Umsetzungstermin mit Einführung „Rhesi“ und „Berghüpfer“ in der Gemeinde Neunkirchen-Seelscheid, Beginn der dreijährigen Umsetzungsphase des Modellvorhabens
Durchführung der ersten von drei Nutzerbefragungen „Rhesi“ und „Berghüpfer“ im Rahmen der Evaluation des Modellvorhabens
Vorstellung der Mobilitätsangebote „vor Ort“ im Rahmen der Veranstaltung „Seelscheider Sommer“ und Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern
Durchführung der ergänzenden zweiten Nutzerbefragungen „Rhesi“ und „Berghüpfer“
Einführung Funktionalität „Webbooking“ als ergänzende Buchungsmöglichkeit für den On-Demand-Verkehr Rhesi auch ohne APP Registrierung und Nutzung
Verstetigung des Kleinbusangebotes „Berghüpfer“, nach Aufnahme in den Nahverkehrsplan des Rhein-Sieg-Kreises zum 21.08.2024 Überführung in das Regelangebot der RSVG
Abschließende dritte Nutzerbefragung „Rhesi“
Ende des Modellvorhabens, ab Januar 2025 digitalisierter Bedarfsverkehr „Rhesi“
Quellen (6)
REGIONALE 2025 Agentur GmbH, o. J.: Modellvorhaben On-Demand vs. Ortsbus in Neunkirchen-Seelscheid. Zugriff: https://www.regionale2025.de/projekte/13/ [abgerufen am 06.07.2026].
REGIONALE 2025 Agentur GmbH, o. J.: Schon über 750 Fahrten mit On-Demand-Bus in Neunkirchen-Seelscheid. Zugriff: https://www.regionale2025.de/aktuelles/schon-ueber-750-fahrten-mit-on-demand-bus-in-neunkirchen-seelscheid/ [abgerufen am 06.07.2026].
Rhein-Sieg-Kreis, 2026.
Rhein-Sieg-Verkehrsgesellschaft mbH (RSVG), o. J.: Rhesi. Zugriff: https://www.rsvg.de/ [abgerufen am 18.01.2023].
Rhein-Sieg-Verkehrsgesellschaft mbH (RSVG), o. J.: Rhesi. Zugriff: https://www.rsvg.de/rhesi/ [abgerufen am 06.07.2026].
Verkehrsverbund Rhein-Sieg GmbH, 16.09.2021: On-Demand vs. Ortsbus: Ein Modellversuch. Zugriff: https://www.mobil.nrw/flexible-mobilitaet/blog/on-demand-vs-ortsbus-ein-modellversuch.html [abgerufen am 06.07.2026].